Medien

«Tornare, ein brillanter Einzelgänger» von Pascal Decaillet

Posted on: 28 June 2012 by ianstudio
«Tornare, ein brillanter Einzelgänger» von Pascal Decaillet

Lire sur le site du GHI

Ein Porträt von Pascal DECAILLET
GHI vom 28. Juni 2012

Er ist einer unserer besten Politiker. Er ist intelligent und kultiviert. Er verfügt über eine Erfahrung, die seine Konkurrenten vor Neid erblassen lässt. Aber er ist auch ein Einzelgänger, stets davon überzeugt, der Beste zu sein. Um ihn zu verstehen, muss man seine intellektuellen Wurzeln kennen. Und die sind faszinierend.
Diesmal ist Manuel der Kragen geplatzt. Lange hat er sich zurückgehalten. Er hat innerlich getobt, gegen seine Genossen, gegen den Parteiapparat, der ihm zuwider ist. Wohlgemerkt: nicht die Partei, sondern der Apparat. Manuel Tornare, 61 Jahre alt, 12 Jahre lang Mitglied der Genfer Stadtregierung, mehrmals Stadtpräsident, heute Nationalrat nach einer kurzen Zeit im Kantonsparlament, hat sich entschieden, alles zu sagen. Alles, was er auf dem Herzen hat. Zweimal in drei Jahren (2009 und 2012) hat ihn die Delegiertenversammlung seiner Partei bei der Kandidatenwahl für die Genfer Kantonsregierung übergangen. Das waren zwei harte Schläge. Der erste trägt den Namen von Veronique Pürro, die mittlerweile von der Bildfläche verschwunden ist. Der zweite heisst Anne Emery-Torracinta, die, obwohl sie einen loyalen und durchaus respektablen Wahlkampf geführt hat, deutlich verlor. Am Tag nach der Niederlage ist Manuel dann tatsächlich der Kragen geplatzt. Manuel hat alles gesagt. Ich bin überzeugt, dass er bereits im Hôtel-de-Ville am Abend des Debakels alles gesagt hätte, wenn David Ramseyer und ich etwas insistiert hätten. Dort, unmittelbar vor Ort, im Zentrum des politischen Lebens von Genf.
PSYCHOLOGIE Es ist der einsame Kampf eines Menschen gegen den Apparat. Man muss Tornares Psychologie ergründen. Man muss schauen, wo er herkommt, seine familiäre und geistige Herkunft kennen. Sein Intellekt bezog wesentliche Impulse von der individualistischen Schule, welche die einzelnen Charaktereigenschaften des Menschen betont. Und weitaus weniger von Lehren, die auf grosse kollektive Unternehmungen setzen. Ganz zu schweigen vom Marxismus, der ihm völlig fremd ist.
Dieser Philosophielehrer wurde vom christlichen Denken geprägt. Von christlichem Denken im spirituellen Sinne, von der kirchlichen Soziallehre, vom Sillonismus, von der Zeitschrift „Esprit“, von Emmanuel Mounier. Es handelt sich um eine Schule, die gerechte Verteilung möchte, Kollektivismus jedoch ablehnt. Es ist etwas Wärmeres, etwas Menschlicheres. Etwas, worauf sich die vom Mai 68, vom Strukturalismus und Konstruktivismus bestimmte Universität meiner Zeit (und seiner Zeit, die kurz vorher war) leider niemals bezog. Wenn man den Anspruch hat, Tornare zu verstehen, muss man jene geistigen Strömungen kennen.
BEZUGSPUNKT Ausserdem muss man den anderen wichtigen Bezugspunkt von Tornare im Blick zu haben: Pierre Mendès France. Der Genfer Sozialist verehrt den einzigen wirklichen Staatsmann der Vierten Republik geradezu kultisch. Die Kompromisslosigkeit. Die Zielsetzungen. Die Berücksichtigung der Ökonomie. Vor allem aber die instinktive Ablehnung der grossen Machtapparate. Wie Mendès ist auch Tornare im Grunde ein Einzelgänger, ein Charaktertyp, ein Individualist, der davon überzeugt ist, der Beste zu sein, der darauf wartet, geholt zu werden, und der tobt, wenn man dies mit Verspätung tut. Kurz: Er ist ein unbequemer Zeitgenosse. Was mich betrifft: Ich mag ihn sehr.
MISCHUNG Ich habe oft gesagt, dass Manuel Tornare im Grunde kein Sozialist ist. Wenn überhaupt, dann Sozialdemokrat. Vielleicht ist er sogar ein Christdemokrat. Es ist eine Mischung. Er hat etwas Subtiles, etwas, das nur einen Menschen auszeichnen kann, für den unterschiedliche Einflüsse wichtig waren. Mit anderen Worten: Er ist das Gegenteil eines braven, loyalen und etwas einfach gestrickten Parteimitglieds. Immer wieder hat er mir geantwortet, dass er Sozialist bleiben wird, die Familie nicht verlässt, in welcher er Hochbegabter und Enfant terrible ist, derjenige, der manchen Sieg errungen hat. Gelingt es Manuel dem Grossen heute noch einmal seine Wut zu bändigen? Heute, wo alles so aussieht, als würde ein Bruch kurz bevorstehen. Wir dürften die Antwort bald kennen. «Gelingt es Manuel dem Grossen, noch einmal seine Wut zu bändigen?»